
Bremen, den 08.April 2012
Was (auch noch) gesagt werden muss
Die Art und Weise, die Form der Kritik an dem von Günter Grass verfassten Gedicht und seiner Person, die zur Zeit allerorten mit markigen Sprüchen erfolgt und vorgetragen wird, erscheint mir, gelinde gesagt, absurd und abenteuerlich. Günter Grass als Alt- und Wieder-Nazi hinzustellen käme mir nicht einmal in den absurdesten Träumen in den Sinn, wiewohl ich weiß, dass er als 17 (!) jähriger der Waffen-SS beigetreten ist. Inzwischen ist Herr Grass 84 Jahre alt und hat eine 67 jährige Geschichte zwischen dem Heute und Damals aufzuweisen, die Zeugnis abzulegen vermag, über das, was ihm wert und wichtig war (und ist), in seinem Leben.
Mir liegt weder - von Ausnahmen abgesehen - die schriftstellerische Sprache seines künstlerischen Schaffens, ich bin also weder ein Jünger noch Bewunderer seiner Person, noch ist für mich, was er (diesem Fall) als Gedicht beschreibt, ein solches, aber ich bin erstaunt, mit welcher Zielsicherheit er einen Nerv trifft, der ansonsten mit politischer Korrektness in diesem Land narkotisiert wird. Die Wunde liegt offen zu Tage und das nach diesen, wie gesagt, wenigen Worten, auch und wegen ihrer Unausgewogenheit und durchaus auch: Beliebigkeit.
Erschreckend sehe ich: Auf deutliche Kritik an der (Sicherheits-)Politik Israels folgt stets und immer und umgehend, gleich einem Uhrwerk, einem berechenbaren Automatismus, in (vor)schnellen verbalen Rundumschlägen, die Reaktion: Ein wütendes Überbrüllen der Argumente, ein pauschales in die Ecke der Nazis schieben, den ewigen und entsetzlichen Leugner unserer schrecklichen und noch so nahen Vergangenheit, hier und in diesem Falle sogar eins mit den schuldhaft mit ihr Verknüpften. So traurig es ist, es zeigt System.
Kritik an Israel darf hierzulande nicht sein, keine solche, die Israel eine Mitschuld unterstellt an der Verwirrung der politischen Situation im Nahen Osten. Solche wird tot geschlagen mit Hass und schrecklicher Wut.
So sehr unsere deutsche Geschichte verantwortlich ist für diese - inzwischen zum pawlowschen Reflex verkommenen - Reaktion, so sehr wird das unsägliche Leid, das sie zufügte, auf der einen und die unsägliche Schuld, die sie auf sich lud, auf der anderen Seite immer wieder auch missbraucht, um ein Hinterfragen, eine Überprüfung politischer Doktrin nicht zuzulassen.
Dabei geht es mir hier und jetzt nicht einmal um die Frage, ob denn Überlegungen eines militärischen Erstschlags , auch solche, die mit atomaren Waffen geführt werden könnten, völkerrechtlich und moralisch überhaupt (schon als Überlegung) ruhigen Gewissens vertretbar sind, auch geht es mir nicht um die Frage, aus welchen Grunde ein Staat atomare Waffensysteme besitzen darf, ein anderer aber nicht, was doch zwangsläufig zu einem fundamentalen Interessenkonflikt führen muss, schon weil der, vor dem man sich zu schützen trachtet, einem anderen Lager angehört und dieser sich seinerseits (warum auch immer) bedroht fühlen könnte.
Für mich geht es in diesem Fall um die Frage, ob Kritik und Bedenken geäußert werden dürfen, egal, welcher literarischen Form sie sich bedienen, wer immer sie auch äußern mag, wie auch immer sie pointiert sind und warum wir uns den geäußerten Bedenken nicht stellen wollen und offensichtlich auch nicht sollen. Warum es einhelliges Trachten zu sein scheint, sie mit einem Wisch ad absurdum zu stellen und jedwede Überprüfung dieser Haltung zu verhindern, indem das Totschlagargument unserer entsetzlichen Vergangenheit hervorgeholt wird und der Autor der Kritik als unverbesserlicher Nazi dargestellt wird, was ja, bei rechtem Lichte besehen, dann auch für die zu gelten hat, die seine vorgetragenen Argumente als berechtigt, zumindest als nachdenkenswert, empfinden mögen.
In unserem Land und unserem Land gegenüber scheint dies ein immer gleiches ermüdendes Ritual zu sein. Aber, ich gebe zu bedenken, dass wir mit der Schuld, die dieses Land sich selbst auferlegte, und sie Generation für Generation weiterreicht, auch an die, deren Hände noch nicht geboren waren, dieses Unsägliche anzurichten, selbst fertig werden müssen. Wir brauchen in ertser Linie nicht andere, auf deren Urteil wir schielen, wir brauchen in erster Linie uns selbst dazu.
Ich will mich sachlich auseinandersetzen. Ich will keine Argumente und Standpunkte totschlagen. Kein Standpunkt sollte tabu sein, sondern allein das Totschlagen in jedweder Form, sei es Mensch oder Standpunkt.
Ich will zuhören, will abwägen, ich will meine Meinung und eine eigene Haltung bilden, sie verändern dürfen, sie zu den Gegebenheiten Stellung einnehmen lassen und mich klar und offen als Person zu ihr bekennen. Vor allem aber will ich andere, auch mir entgegengesetzte, Meinung, Ideen, und Haltungen gelten lassen und aushalten , nicht aus moralischer Überlegung allein, sondern auch und aus eigenem Interesse, bedarf ich doch ihrer Andersartigkeit, um mich selbst entwickeln und prüfen zu können.
Die Kraft eines klaren, durchdachten Standpunktes, einer bewussten offenen Haltung, bereit ebenso zur Verteidigung wie auch zur Veränderung, ist mir groß genug, um mich - auch unliebsamen - Vorwürfen zu stellen. Totschlagargumente aber sind vergleichbar einem atomaren Erstschlag: Sie wollen vernichten, bevor wir zu Gesicht bekommen, womit wir uns auseinander zu setzen haben, respektive müssen. Sie sind Zeugnis unserer Furcht, nicht unserer Stärke und schon gar kein Beweis der Rechtmäßigkeit unserer Haltung.
Klaus Meyer-Bernitz